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Daniel Meynen
Wo gibt es Foren für die wissenschaftliche Intelligenz der älteren Generationen? - Strukturprobleme und Entwicklungschancen des Seniorenstudiums in Deutschland.
Auf keinem der Deutschen Seniorentage ist der Erfahrung und dem Wissen älterer Menschen soviel Wert beigemessen worden wie 2006 auf dem achten in Köln. Die dort vorgetragenen Argumente lassen sich in zwei Sätzen zusammenfassen: Ältere Menschen interessieren sich keineswegs nur für die Belange ihrer eigenen Generation, sondern ebenso für die Fragen, vor denen heute ihre Kinder und morgen ihre Enkel stehen werden. Keine Gesellschaft, die große, drängende Probleme vor sich sieht, kann sich leisten, auf die Intelligenz, den Sachverstand und die Einsichten älterer Menschen bei der Lösung dieser Probleme zu verzichten. Wer, von diesen Erkenntnissen motiviert, über den Seniorentag ging und nach Vereinen oder Verbänden suchte, die die wissenschaftlichen Interessen der älteren Generationen vertreten, sah sich indessen enttäuscht. In der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO), die den Deutschen Seniorentag trägt, finden sich zwar Organisationen der politischen, nicht aber der wissenschaftlichen Intelligenz der Älteren.
Viele Ältere, die heute berentet sind, waren in wissenschaftlichen Berufen etwa als Forscher, Hochschullehrer, Autoren, Lektoren oder Redakteure tätig. Wo sind Vereinigungen von emeritierten Professoren, wo sind die Gesellschaften der älteren Forscher und Entwickler, wo die wissenschaftlichen Räte, wo die in den Methoden wissenschaftlicher Problemlösung erfahrenen Älteren, die sich auf einem Seniorentag zu Wort melden könnten, die in der Lage wären, den wissenschaftlichen Einsichten und Problemlösungsfähigkeiten der dritten und vierten Generation öffentlich Ausdruck zu geben? Viele der öffentlichen Zukunftsfragen sind wissenschaftlicher Natur. Wo gibt es wissenschaftliche Institutionen oder Foren der Älteren, auf denen sich die Intelligenz der älteren Generationen formieren könnte? Wo könnten sich die aus dem aktiven Erwerbsleben, aus den Geschäftsführungen und Leitungsgremien Ausgeschiedenen, mit einer eigenen Stimme an der öffentlichen Formulierung der zu lösenden Probleme beteiligen? Wo werden sie beteiligt? Wo gibt es einen nennenswerten Einfluss der älteren Generationen auf die so wichtigen Fragen der Prioritätenskala der zu lösenden öffentlichen Probleme, also auf die Forschungspolitik? Bleibt die BAGSO nicht ein Torso, wenn ihr Organisationen, die genau diese wissenschaftliche Intelligenz der Älteren verkörpern könnten, fehlen?
Es gibt zwar eine nennenswerte Zahl von so genannten Seniorenuniversitäten, aber als Einrichtungen für Studiengäste der Universitäten haben sie keine durch ihre Mitglieder legitimierten Repräsentanten, ihre Leiter gehören der jüngeren Generation an und ihre Fördervereine haben keine gemeinsame Stimme. Wie wichtig die Wissenschaften für die Seniorenorganisationen sein können, lässt sich jedoch am Gewicht ablesen, das die BAGSO den älteren Gerontologen beimisst. Ohne den Wert gerontologischer Erkenntnisse in Frage zu stellen, darf doch betont werden, dass das Feld der zu lösenden Fragen unvergleichlich größer ist als dieser schmale gerontologische Ausschnitt. Gerontologie spielt nur eine untergeordnete Rolle im wissenschaftlichen Problembewusstsein der Älteren. Wäre es nicht wünschenswert, dass den politischen Seniorenräten, die auf der kommunalen, Landes- und Bundesebene fest installiert sind, wissenschaftliche (und nicht nur gerontologische) Gremien von Älteren entsprächen, die den Senioren eine oder (angesichts der Heterogenität der Älteren) mehrere unterschiedliche wissenschaftliche Stimmen im öffentlichen Diskurs geben könnten? Wird die politische Intelligenz der Senioren nicht auf Dauer blind, wenn sie von ihrer wissenschaftlichen nicht begleitet wird?
Ein zusammenfassender Bericht des 8.Deutschen Seniorentages ist zu finden unter: www.bagso.de/dst06.html
Cf..: BAGSO: „Lobby der Älteren“, www.bagso.de. Die 6 Organisationen, die im August 2006 im Verzeichnis der BAGSO-Mitgliederorganisationen unter „Erfahrung und Wissen“ firmieren, können nicht beanspruchen, für die Weite und Tiefe der Sach- und Problemkenntnisse zu stehen, die unter den älteren Menschen vorhanden sind. Auch der Senioren-Experten-Service (SES) kann diese Kenntnisse nicht vertreten, sofern er seinem Ansatz gemäß nur Senioren in der unmittelbaren nachberuflichen Zeit vermittelt, die für 70- und 80jährigen typischen Kenntnisse und Erfahrungen aber nicht einbezieht. Die BAGWiWA wird unter den Mitgliedverbänden bisher nicht geführt. Hier wird nicht gefragt nach dem unbezweifelbaren Einfluss von Emeriti, die sich oft zum Leidwesen ihrer Nachfolger von Lehrstuhl, Institut oder beruflichen Positionen nicht trennen können, sondern nach denjenigen, die sich gerade aus ihrem Abstand zu ihrer Berufstätigkeit und dennoch als Wissenschaftler öffentlich zu Wort melden
Mein Anliegen ist, das Fehlen der wissenschaftlichen Stimme der Älteren im öffentlichen Diskurs ins Bewusstsein zu bringen. Dabei geht es nicht einfach darum, wie die schnell veraltenden Kenntnisse und Erfahrungen von Älteren größeres Gewicht erhalten können, sondern wie die Problemlösungsfähigkeiten der aus dem Berufsleben ausgeschiedenen Älteren als ihr eigentliches intellektuelles Kapital in den öffentlichen Problemlösungsprozess einbezogen werden können, wie die für die Wissenschaften (selbst für die Gerontologie) typische und unvermeidbare Verdrängung der älteren Wissenschaftler durch die wissenschaftliche Nachwuchsgeneration für alle fruchtbar genutzt werden kann welche öffentliche Rolle der dritten Generation, diesem anthropologisch neuartigen Phänomen der geistig-körperlich fitten und relativ gesicherten Älteren, und speziell ihrer wissenschaftlichen Intelligenz zukommen soll.
Die Universitäten, mit anderen Aufgaben überlastet, erweisen sich gegenwärtig als unfähig, sich diesen Fragen zu stellen. Und die so genannten Seniorenuniversitäten oder Seniorenstudien stehen, wie sie sich heute zeigen, unter einem dreifachen Dilemma: Einmal sind sie als Einrichtungen der Universitäten für Studiengäste in den kommenden 10-15 Jahren dem enormen Verdrängungsdruck ausgesetzt, den die sprunghaft steigenden Zahlen der Erststudierenden mit sich bringen, sodann hat die mit dem Stichwort Bologna verbundene Studienstrukturreform die Interessen der Älteren völlig aus den Augen verloren. Sie kommen darin nicht vor. Und drittens betrachtet eine breite Mehrheit der emeritierten Wissenschaftler, die ohne Zweifel zur älteren Generation gehören, die Einrichtungen des Seniorenstudiums nur in Ausnahmefällen als ihr Forum.
Vor diesem Hintergrund versuche ich im Folgenden die Entwicklungschancen der so genannten Senioren-Universitäten zu beleuchten. Unter welchen Rahmenbedingungen arbeiten sie gegenwärtig? Welche Perspektiven öffnen sich ihnen in der Zukunft?
Rückblick Seit den ersten Startversuchen des Seniorenstudiums in Deutschland in der zweiten Hälfte der 70er Jahre hat sich an fast allen Hochschulen ein Gast- und Seniorenstudiums etabliert, das von immer zahlreicher werdenden älteren Studierenden nachgefragt wird. Doch zugleich haben sich die allgemeinen Rahmenbedingungen an den Universitäten von Grund auf gewandelt, so dass sich die heutigen Seniorstudierenden in einem gänzlich veränderten Milieu zurechtfinden müssen. Die zunehmenden Schwierigkeiten, denen die Seniorenhochschulen heute in Deutschland ausgesetzt sind, zeigen, dass sie an einem kritischen Punkt ihrer Entwicklung stehen.
Die Universitäten werden in den kommenden 8 Jahren vor der Aufgabe stehen, für die Erststudierenden pro Jahr ca. 50.000 zusätzliche Studienplätze schaffen zu müssen. Cf. KMK (2005). Cf.: BLK (2002) und KMK (2004). Cf. Hierzu auch: Meynen (2005) Cf. Zentrum für wissenschaftliche Weiterbildung Oldenburg (1980). Ein knapper Überblick über die Phasen der Entwicklung des Seniorenstudiums findet sich bei Sagebiel (2006). Statistisches Bundesamt (Hrsg.) (2006).
Ich erinnere mich gut an das Jahr 1978, als ich für den damaligen AUE erstmalig ein Gutachten über die möglichen wissenschaftlichen Funktionen von Älteren verfassen sollte. Die Frage war damals, welche wissenschaftlichen Tätigkeiten Ältere ausüben können: einige, alle, welche besonderen? Der Gedanke, Senioren einen Platz in den Wissenschaften zu geben, fasste in diesen Anfangsjahren an mehreren Universitäten fast gleichzeitig Fuß und verbreitete sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Es folgte ein euphorisches Jahrzehnt. Die deutschen Universitäten öffneten älteren Menschen bereitwillig ihre Tore, die Zeitungen schrieben ausgiebig über die studierenden Grauköpfe und es bildete sich 1984 ein überregionaler Arbeitskreis von jüngeren Organisatoren und ideellen Förderern an den Hochschulen: die BAGWiWA (Bundesarbeitsgemeinschaft Wissenschaftliche Weiterbildung für Ältere). Bis heute wächst die Zahl der an den Studien interessierten Älteren kontinuierlich und es lässt sich leicht voraussehen, dass ihre Zahl umso schneller weiter wachsen wird, je größer der Bevölkerungsanteil der Älteren wird und je besser sie vorgebildet sind, aber - und das ist der Besorgnis erregende Punkt - die Aufnahmebereitschaft der Universitäten ist an ihre Grenze gekommen.
Zu den gegenwärtigen Rahmenbedingungen Für den gegenwärtigen Zustand ist die Situation älterer Gaststudenten kennzeichnend, die in Hamburg Germanistik oder Literaturwissenschaft studieren wollen und auf eine Verwaltungsanordnung stoßen, die ihnen die Seminartüren verschließt. Wer in Köln als Älterer Philosophie studieren will, muss viel Glück haben, um zu den wenigen zu gehören, die der Numerus clausus zulässt. Die Kapazitätsprobleme der deutschen Universitäten sind so groß geworden, dass viele Universitätsverwaltungen die früher gern gesehenen älteren Gäste heute als lästig empfinden und sie lieber wieder los würden. Wenn auch nur annähernd zutreffen sollte, was Statistiker errechnet haben, dass in den von den Senioren bevorzugt belegten Geisteswissenschaften zurzeit jeder Lehrstuhlinhaber durchschnittlich 93 Erststudierende betreuen muss, wie soll er da noch zusätzliche Zeit für Seniorstudierende finden? Wenn, so eine andere Statistik, in Berlin gegenwärtig drei von vier jüngeren Studienplatzbewerbern abgewiesen werden müssen, weil die Haushaltsnöte des Landes Berlin so groß geworden sind, wieso sollten da Investitionsmittel für die Weiterentwicklung der Seniorenhochschulen vorhanden sein? Da nicht nur die Zahl der Erst-, sondern gleichzeitig auch die wissenschaftlich interessierten und engagierten Älteren wächst, verschärft sich das Problem.
Eine Reihe zusätzlicher Faktoren reduziert die Entwicklungschancen des Seniorenstudiums: Die 1999 in Bologna von den europäischen Wissenschaftsministern vereinbarte Studienstrukturreform, ausgerichtet an den Zwecken: Internationalisierung, Modularisierung, Graduierung und Quantifizierung des Studiums, nimmt keinerlei Bezug auf die Studieninteressen von Senioren. Das Gaststudium, das den Älteren die Teilnahme am Ausbildungsstudium der Jüngeren erlaubt, berücksichtigt in seinen Problemstellungen und Methoden nur in Ausnahmefällen die speziellen Erkenntnisinteressen und Fragestellungen der älteren Studierenden.
Die wenigsten Studieneinrichtungen für Senioren in den Hochschulen haben einen eigenständigen Status. In der Regel haben sie keine eigenen Entscheidungsgremien. Die meisten Einrichtungen sind von universitären Gremien abhängig, in denen sie ungenügend vertreten sind und für deren Repräsentanten das Seniorenstudium in aller Regel ein „fünftes Rad am Wagen“ ist, d.h. regelmäßig zu kurz kommt.
Arbeitskreis Universitäre Erwachsenenbildung, die heutige Deutsche Gesellschaft für wissenschaftliche Weiterbildung und Fernstudium (DGWF). AUE-Projekt W 0175.00: Meynen, D.: “Kriterien und Funktion wissenschaftlicher Weiterbildung im gerontologischen Bereich“. 1979. BLK (2002) und HRK (2004).
Der einzigen bildungspolitischen Interessenvertretung des Seniorenstudiums, die ich zur Zeit sehe, der BAGWiWA, gehören geschäftsordnungsgemäß keine Senioren an. Sie ist eine Organisation nicht von Senioren, sondern für Senioren. Als einer „Vereinigung von Einrichtungen in Hochschulen sowie von hochschulnahen und hochschulähnlichen Institutionen, die sich mit der wissenschaftlichen Weiterbildung von Älteren befassen“ ist die Mitgliedschaft in ihr „an eine hauptberufliche Tätigkeit“ gebunden. Ohne Zweifel hat diese Vereinigung große Verdienste um das Seniorenstudium, aber zugleich eine so schwache öffentliche Stimme, dass die politische Erklärung, die sie z.B. zum Deutschen Seniorentag 2006 herausgab, um auf die bestehende kritische Situation aufmerksam zu machen, von keiner einzigen deutschen Presse-Agentur gemeldet wurde und meines Wissens in keiner größeren Universitätszeitung zu lesen war.
Die privaten Fördervereine für das Seniorenstudium, die es an vielen Universitätsstandorten gibt, haben es bisher noch nicht zu einer gemeinsamen Plattform gebracht. Sie wissen kaum voneinander und haben daher auch keine gemeinsame Stimme.
Die für die Senioren und für die Wissenschaft zuständigen Landes- und Bundesministerien sind sich uneinig, ob die Familien- oder die Wissenschafts- bzw. Kultusministerien für das Seniorenstudium zuständig sein sollen. Infolgedessen kommt von keinem eine Initiative.
Fazit: Die Situation ist für die Weiterentwicklung des Seniorenstudiums bedrohlich. Als Gaststudium wird es zunehmend an den Rand gedrängt und die Universitäten verschließen sich dem Aufbau eines ernsthaften nachberuflichen Studiums, das Konzeption, Strukturplanung, Personalplanung und Organisationsplanung voraussetzen würde. Wenn es dennoch Entwicklungschancen haben soll, dann scheint die dafür erforderliche Dynamik weniger von einem entgegenkommenden Angebot der Universitäten, als viel eher von der Initiative und dem wissenschaftlichen Potential der Älteren selber zu erwarten zu sein.
Es ist darum erforderlich, sich Gedanken über die Voraussetzungen zu machen, unter denen sich die Älteren selber im erweiterten Rahmen oder im Umfeld der Universitäten eigene Plattformen für ihre wissenschaftlichen Interessen schaffen können. Was sind die notwendigen Bedingungen des Seniorenstudiums? Unter welchen Voraussetzungen hat es Entwicklungschancen?
Tragfähige Grundgegebenheiten Ich umreiße zunächst das Fundament von tragfähigen Gegebenheiten und Tendenzen, von denen wir ausgehen können und auf denen sich eine entwicklungsfähige Universität des Dritten Lebensalters (U3L) gründen lässt. Die Zahl der gut gebildeten und wissenschaftlich Interessierten Älteren nimmt im Verlauf des demographischen Wandels ständig zu. Das wissenschaftliche Potential der Älteren wächst spürbar. Die heutigen gesellschaftlichen Probleme sind zu komplex, als dass die mittlere Generation sie alleine für alle übrigen Generationen lösen könnte. Ein beträchtlicher Teil dieser Probleme ist aus der Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse hervorgegangen und lässt sich nicht mehr ohne den wissenschaftlichen Sachverstand aller Generationen lösen. Um nur einige wenige typische zu nennen: demographische Entwicklung, Ressourcenverbrauch, Umweltverschmutzung, Risikotechnologien, Armut, Jugendarbeitslosigkeit, friedliches Zusammenleben der Kulturen und Religionen, Kriegsgefahren. Je mehr Ältere wissenschaftlich tätig waren und je besser die wissenschaftlich interessierten Älteren gebildet sind, desto weniger genügt ihnen, Adressat der Diffusion von fertigen Forschungsergebnissen zu sein. Eine wachsende Zahl sucht die aktive Teilhabe am wissenschaftlichen Erkenntnisprozess, d.h. am Kreislauf des ständigen Klärens der Problemstellungen, des methodischen Forschens, des Bildens von Theorien und des Überleitens der Ergebnisse in die praktische Anwendung. Bestimmte intellektuelle Aufgaben können von niemandem besser gelöst werden als von wissenschaftlich gebildeten Älteren, vor allem solche, deren Lösung längere Erfahrung, breiteren Überblick, verfügbare freie Zeit, Abwesenheit von äußeren Zwängen und ein gehöriges Maß an Reflexion voraussetzt. Um sich mit den gemeinsamen öffentlichen Fragen auseinandersetzen zu können, brauchen die wissenschaftlich interessierten Älteren einen gemeinsamen Ort. Kein Ort erscheint geeigneter als die Universität. Zur wissenschaftlichen Intelligenz des Dritten Lebensalters gehören sowohl die pensionierten oder emeritierten Wissenschaftler wie die älteren Studierenden. Das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. De facto aber gibt es zwischen den älteren Studierenden und den aus den Leitungsgremien der Fakultäten und Universitäten ausgeschiedenen Emeritierten bisher nur spärliche Kontakte. Geht es jedoch um die Erfahrungen, das Wissen und die Problemlösungsfähigkeiten der älteren Generation, dann sind ältere Studierende und emeritierte Wissenschaftler nicht voneinander zu trennen. Nur zusammen bilden sie die Intelligenz der älteren Generation.
So die Präambel ihrer Geschäftsordnung und §5.2., zu finden unter www.dgwf.net/bagwiwa/ Beispiele für ausbaufähige Eigeninitiativen bilden die Studienwochen der „Stiftung Forum für Verantwortung“ an der Europa-Akademie in Otzenhausen, der einzigen mir bekannten Stiftung für wissenschaftliche und nachberufliche Bildung, sowie der bundesweit organisierte Verein "Virtuelles und reales Lern- und Kompetenz-Netzwerk älterer Erwachsener" - ViLE e.V., der „an Weiterbildung interessierten Seniorinnen und Senioren ermöglichen (will), gemeinsam auf den verschiedensten Interessensgebieten zusammenzuarbeiten, sich gegenseitig zu unterstützen und ihre Kompetenzen anderen zur Verfügung zu stellen.“ Cf.: www.vile-netzwerk.de. BMFSFJ (1997),(2005) und Statistisches Bundesamt (2006).
Unterscheidungsmerkmale zur Ausbildungsuniversität. Damit sich im Inneren der Universität ein Teilbereich Seniorenuniversität ausdifferenzieren kann, sind Unterscheidungsmerkmale zur Ausbildungsuniversität zu markieren. Menschen im dritten oder vierten Lebensalter, die durch das Miterleben derselben historischen Ereignisse und Veränderungen geprägt sind und die auf 30 oder 40 Jahre Berufs- und/oder Familienleben zurückblicken, stellen sich andere wissenschaftliche Fragen als die Jüngeren, die später in den historischen Ereignisstrom eingestiegen sind und die Berufserfahrung noch vor sich haben. Das gilt auch für emeritierte Wissenschaftler. Sie sehen die öffentlichen Probleme aus einer anderen Perspektive und verfügen über andere Potentiale, diese Probleme anzugehen. Wenn das aktive Erwerbsleben hinter ihnen liegt, suchen Ältere die Erkenntnis nicht mehr aus Gründen des mittelbaren oder unmittelbaren beruflichen Fortkommens, sondern um ihrer selbst willen. Erkenntnis wird für sie zu einem Wert an sich. Sie sind damit im Einklang mit der Humboldtschen Universitätsidee. - Für die Jüngeren steht dagegen die berufliche Verwendbarkeit des Wissens im Vordergrund oder ist zumindest immer mit im Spiel. Wer dreißig Jahre im engeren oder weiteren Rahmen einer Fachrichtung gearbeitet hat, sucht nach Abschluss des Berufslebens Wege, auf denen sich die Grenzen des Faches überschreiten lassen. Fast überall ist zu beobachten, dass Ältere in besonderem Maß an einem die Disziplingrenzen überschreitenden Zusammenhangwissen interessiert sind. Sie suchen eine Art Studium Generale, in dem die spezialwissenschaftlichen Einzelkenntnisse der Forschung in die Gesamtheit der Wissenschaften integriert werden und zwar nicht als populäre Synthese neben den Wissenschaften, sondern als innerwissenschaftliche Gegenmaßnahme gegen die Spezialisierung. Die Jüngeren, die sich erst in ein Fachgebiet einarbeiten wollen, suchen dagegen fachliche Spezialkenntnisse. Für sie hat das Fach- und Spezialstudium den Vorrang. Ältere Studierende bilden aufgrund ihrer sehr unterschiedlichen Lebensverläufe und Berufserfahrungen eine inhomogene Gruppe, deren Mitglieder aber einander suchen, um über ihre unterschiedlichen Erfahrungen und Erfahrungswelten zu kommunizieren. - Die jüngeren Studierenden sind dagegen beim Studienantritt nach ihrem staatlich standardisierten Abitur viel homogener, streben aber dann entsprechend ihren unterschiedlichen fachlichen und beruflichen Ausbildungsrichtungen auseinander, erlernen ihre jeweiligen Fachsprachen, werden in ihren speziellen Fachkulturen und Fachwelten sozialisiert und differenzieren und entfernen sich mit zunehmendem Spezialistentum je länger desto mehr voneinander. Älteren sind die großen allgemeinen Probleme der westlichen Gesellschaften, die oben aufgelistet wurden, mit gutem oder schlechtem Gewissen ins Bewusstsein gebrannt. Die Frage, wie wir zusammenleben wollen, geht alle Generationen an. Aber sie braucht eine Kraft, die sich ihrer annimmt, deren Stimme sie ständig im öffentlichen Bewusstsein wach hält. Die im beruflichen Sinn nutzlos gewordene dritte Generation, die ihre gesellschaftlichen Funktionen heutzutage erst noch finden muss, könnte diese Rolle übernehmen, den Geronten der Antike vergleichbar. Dazu aber sind in einer Welt, in der das ganze Leben verwissenschaftlicht ist, wissenschaftliche Hochschulen, in denen sich die älteren Generationen in den alle betreffenden Fragen weiterbilden können, geradezu lebens- und überlebensnotwendig.
Thesen zu den Entwicklungschancen der Seniorenuniversitäten. Wenn das skizzierte Fundament tragfähig ist und die Unterscheidungsmerkmale zutreffen, dann lassen sich darauf einige Thesen bezüglich der Entwicklungschancen künftiger Universitäten des Dritten (und Vierten) Lebensalters aufstellen:
Seniorenhochschulen haben langfristig nur dann Entwicklungschancen, wenn sie sich als Foren der wissenschaftlichen Intelligenz der Älteren unserer Gesellschaft verstehen, als Institutionen, an denen sich die wissenschaftlichen Problemlösungsfähigkeiten der aus dem Erwerbsleben ausgeschiedenen Älteren zusammenfinden, um sich an der öffentlichen Diskussion der zentralen Lebensfragen unserer Zeit mit eigener Stimme zu beteiligen. Diese öffentliche Funktion ist wie in jeder Universität ihr primärer, die individuelle Weiterbildung der Älteren ihr sekundärer Zweck. An welchem anderen Ort sollte sich der wissenschaftliche Geist, das reflektierende Problembewusstsein der Dritten Generation zusammenfinden können, wenn nicht an einer Universität, eben einer Universität des Dritten Lebensalters? Die Seniorenuniversität wäre dann das wissenschaftliche Forum für langfristiges gesellschaftliches Denken, der Träger eines kontinuierlich laufenden Kolloquiums, das nicht die Vielfalt der alltäglichen Praxis, sondern deren wenige Leitideen auf den Prüfstand stellt, ein Kolloquium der dritten Generation, an dem die zweite Generation selbstverständlich teilnehmen könnte, aber nicht tonangebend wäre.
Zur Intelligenz der dritten Generation gehören darum ebenso notwendig wie die älteren Studierenden die emeritierten Forscher und Hochschullehrer. Seniorenuniversitäten gewinnen nur dann wissenschaftliches Profil und Substanz, wenn sich emeritierte Forscher, Hochschullehrer und ältere Studierende zu Studiengemeinschaften zusammenfinden, um das skizzierte Kolloquium miteinander zu führen. Diese sind als ein spezifischer Sektor der „scientific community“ zu verstehen und nicht als wissenschaftsexterne Adressaten des „public understanding of science“.
Eine so verstandene Seniorenuniversität unterscheidet sich darum von den Institutionen der Öffentlichen Wissenschaft, wie sie Peter Faulstich u.a. zeichnen, weil die darin tätigen Älteren, auch nach ihrem Ausscheiden aus der wissenschaftlichen Berufstätigkeit, Subjekte des Wissenschaftsprozesses und Produzenten von neuem Wissen bleiben und nicht nur Adressaten von Ergebnisse sind. Cf. Faulstich 2006.
Seniorenhochschulen haben nur dann Entwicklungschancen, wenn sie männliche und weibliche Teilnehmer in gleicher Weise ansprechen. Wenn, wie zur Zeit vielfach zu beobachten, die Zahl der weiblichen Teilnehmer in hohen Prozentanteilen über längere Zeit überwiegt, liegt der Verdacht eines Strukturfehlers nahe: Verschulung, einseitige Schwerpunktwahl, oder Fehlen von Forschungsmöglichkeiten, die männliche Teilnehmer stärker anziehen.
Seniorenuniversitäten haben nur dann Entwicklungschancen, wenn sie aus der Initiative der Senioren selber hervorgehen und sich an deren Erkenntnisinteressen orientieren. Was Senioren wollen, müssen sie selber formulieren und äußern. Die Formulierung ihres eigenen Willens dürfen sie nicht den nachfolgenden Generationen überlassen. Was sie an der Universität suchen, müssen sie selber wissenschaftlich und öffentlich verständlich machen. Ihre Zwecke und Strukturen richten sich notwendigerweise nach den Problemstellungen und Sichtweisen der älteren Generationen. Das heißt nicht, dass sie nicht in vielen gemeinsamen Fragen der Kooperation, Koordination und der Organisation der Unterstützung durch die Jüngeren bedürfen.
Seniorenuniversitäten haben nur dann eine Chance, von der übrigen Gesellschaft und den Ausbildungsuniversitäten anerkannt zu werden, wenn sie sich nicht ausschließlich den Problemen der älteren Generationen zuwenden, sondern zur Lösung der großen Zeitfragen beitragen. Seniorenuniversitäten, die nur der wissenschaftlichen Weiterbildung und Kommunikation von Älteren untereinander dienen, ohne einen öffentlichen Erkenntnisgewinn zu erbringen, haben auf Dauer keine Chance. Nach dem Ausscheiden aus dem beruflichen Alltagsgeschäft besitzen die Älteren genau das, was den Jüngeren fehlt: Zeit zum Denken, für das Beraten und Bereden. Zwingt der Berufsalltag die zweite Generation zum ständigen Reagieren auf den unaufhaltsamen Ereignisstrom, so erlaubt der Abstand von Beruf und Geschäftsführung den Älteren, die sinnvolle Gewichtung der Themen und Probleme, das Entwickeln von Zukunftsbildern und langfristigen Perspektiven. Kein Sparzwang, kein Renditedenken und kein Entscheidungsdruck hindert sie, anstrebenswerte Visionen zu entwickeln.
Seniorenuniversitäten haben nur dann Entwicklungschancen, wenn sie die unterschiedlichen Haupterkenntnisinteressen der Älteren mit einer ausreichenden thematischen Vielfalt aufgreifen: ihre Interessen an den Grundlagen der Wissenschaften, an interdisziplinären Problemkreisen, an der soziokulturellen und historischen Vielfalt und an den Philosophien. Ihre Veranstaltungen, konzipiert von den überwiegend fachübergreifenden Interessen der Älteren her, sollten keinen geschlossenen Charakter haben und interessierten Jüngeren offen stehen.
Das Seniorenstudium könnte sich von seinen gerontologischen Fesseln und aus seiner bisherigen marginalen Situation auf die Weise befreien, dass es sich mit dem mancherorts praktizierten Studium Generale viel enger als bisher verzahnt. Die Bezeichnung Studium Generale sollte dabei nicht als Veranstaltung allgemeinbildender Art missverstanden werden. Es geht weniger um Allgemeinbildung und Allgemeinwissen als um die Beschäftigung mit den allgemeinen öffentlichen Problemen, die sich den heutigen Gesellschaften stellen und die überhaupt erst ins wissenschaftliche Bewusstsein eindringen und formuliert werden müssen, bevor sie interdisziplinär behandelt werden können.
Seniorenuniversitäten haben nur dann Entwicklungschancen, wenn ihre Erkenntnisproduktion inneruniversitär als wissenschaftlicher Gewinn betrachtet wird. Nur wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn wird ihre Existenz langfristig sichern. Definieren wir das Seniorenstudium ohne Altersbezug, so ist es im Wesentlichen ein fächerübergreifendes Studium, das um seiner selbst willen betrieben wird und damit im Prinzip unabschließbar ist. Sein innerwissenschaftlicher Gewinn besteht in der methodisch angestrebten Integration der einzelnen Spezialfächer in den immer neu zu leistenden Gesamtzusammenhang des wissenschaftlichen Bewusstseins und in der Stärkung der ursprünglichen Erkenntnismotivation der zweckfreien Suche nach Problemlösungen. Das Seniorenstudium steht, so betrachtet, für einen substantiellen Strang europäischer Universitätstradition, der die heutigen Universitäten mit ihren Wurzeln verbindet. Hatte die zweckfreie Erkenntnis in der Universität bisher einen geschützten Ort, so ist dieser Ort in größte Gefahr geraten, seitdem die Verwendbarkeit des Wissens dort die erste Rolle spielt. Die inneruniversitäre Ausdifferenzierung einer Institution, die vornehmlich der zweckfreien Erkenntnis diente, wäre eine entsprechende Antwort auf diese Gefahr. Unter den bestehenden Bedingungen der unterfinanzierten und überbelegten Universitäten haben Seniorenuniversitäten nur dann Entwicklungschancen, wenn sie sich weitgehend selbst organisieren und (über Fördervereine oder Stiftungen) selbst finanzieren.
Das nach wie vor gültige Leitbild von der Einheit der Wissenschaft verlangt jedoch, dass dies im Rahmen der Universität geschieht. Eigenständige Seniorenuniversitäten haben keine Entwicklungschancen, wenn sie sich aus dem institutionellen Zusammenhang mit den Universitäten herauslösen.
Literatur: BAGSO (Hrsg.) (2005): „Fakten und Felder der freien Seniorenarbeit. Ältere Menschen in Deutschland“, Bonn. Bund-Länder-Kommission (Hrsg.) ( 2002): „Handreichung zur Modularisierung und Einführung von Bachelor- und Master-Studiengängen. Erste Erfahrungen und Empfehlungen aus dem BLK-Modellversuchsprogramm "Modularisierung"“ (Heft 101 der BLK für Bildungsforschung und Forschungsförderung). Bonn. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen, Jugend (Hrsg.) (2005): „5. Altenbericht“. Berlin. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen, Jugend (Hrsg.) (1997): „Datenreport Alter“, Bonn. Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.) (2001): „Studienführer für Senioren“, Bonn. Hochschul-Rektoren-Konferenz (Hrsg.): „Stellungnahme der HRK zum EU-Memorandum über lebenslanges Lernen“. 03.07.2001, http://www.hrk.de/de/beschluesse/109_130.php Faulstich, Peter (Hrsg.) (2006): „Öffentliche Wissenschaft. Neue Perspektiven der Vermittlung in der wissenschaftlichen Weiterbildung“, Bielefeld, darin: Faulstich, Peter: „Öffentliche Wissenschaft“, S. 11-32. Kultus-Minister-Konferenz (Hrsg.) (2005): „Prognose der Studienanfänger, Studierenden und Hochschulabsolventen bis 2020“, Statistische Veröffentlichungen. Dokumentation Nr.176 –22.09.05. cf.:http://www.kmk.org/statist/hochschulprognose.htm Kultus-Minister-Konferenz (Hrsg.) (2004): „Rahmenvorgaben für die Einführung von Leistungspunktsystemen und die Modularisierung von Studiengängen“, Fassung vom 22.10.04. http://www.akkreditierungsrat.de/KMK_ 041022_Leistungspunktsysteme.pdf Mayer,Karl Ulrich/Baltes Paul.B. (1996) „Die Berliner Alterstudie“, Berlin. Meynen, Daniel (2005) „Der Sternenhimmel des Studium Generale in der Nacht der Sparmaßnahmen über der Welt der Studienstrukturreform“, in: Bargel, Hans-Jürgen/Beyersdorf, Martin (Hrsg.) „Beiträge 43: Wandel der Hochschulkultur? Wissenschaftliche Weiterbildung zwischen Kultur und Kommerz. Dokumentation der 33.Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für wissenschaftliche Weiterbildung und Fernstudium an der Universität Hannover. 16./17.September 2004“, Hamburg, S.71-84. Sagebiel, Felicitas (2006): „SeniorInnenstudium“, in: Faulstich,Peter (Hrsg.) (2006): „Öffentliche Wissenschaft. Neue Perspektiven der Vermittlung in der wissenschaftlichen Weiterbildung“, Bielefeld, S.189-210. Statistisches Bundesamt (Hrsg.) (2006): „Pressemitteilung vom 14.06.2006. „Gaststudium bei Senioren immer beliebter““, http:// www.presseecho.de/search_news.php?search Zentrum für wissenschaftliche Weiterbildung (Hrsg.) (1980):Informationen zur wissenschaftlichen Weiterbildung 14, “Öffnung der Hochschulen für ältere Erwachsene. I. Internationaler Workshop an der Universität Oldenburg, 5.-7.Dezember 1979, Oldenburg.
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